Die Quelle unseres Wohlstandes ist in großer Gefahr

Die Quelle unseres Wohlstandes ist in großer Gefahr

Andreas Damm

Artikel

vom

27.5.21

Ein politischer Feldzug mit dramatischen Folgen

Fragt man, woher unser heutiger Wohlstand kommt, denkt man sofort an Automobilindustrie, Maschinenbau, Welthandel, Dienstleistung und Börse. Die wenigsten würden an andere Bereiche unseres Lebens denken. Schon gar nicht an die Landwirtschaft. Doch diese, gerade die moderne Landwirtschaft, ermöglicht es uns ja, immer genug Nahrung zu erschwinglichen Preisen zu bekommen. Benötigte man im Jahre 1800 drei Bauern, um einen Nicht-Landwirt zu ernähren, war es um 1900 bereits so, dass ein Landwirt den Bedarf von drei Personen deckte. 1950 stieg die Zahl auf 11 Personen und heute sind es weit über 160 Menschen, die ein einziger Landwirt in Deutschland ernähren kann. Diese enorme Effektivitätssteigerung setzt Arbeitskraft auf dem Land frei, die nun für Handwerk, Industrie und Dienstleistungen zur Verfügung steht. Lebensmittel waren zunehmend einfacher verfügbar und seit 70 Jahren ist Hunger in Deutschland unbekannt. Lebensmittel sind demnach zu einer Selbstverständlichkeit und zum Discountprodukt geworden, das nur noch 11% des Durchschnittseinkommens beansprucht. 89% stehen nunmehr für Wohnen und freien Konsum zur Verfügung. Gerade in Mitteleuropa, in dem die besten Bedingungen für den Ackerbau herrschen und großflächige Naturkatastrophen die absoluten Ausnahmen sind, war die Keimzelle die industriellen Revolution. Auch im Umkehrschluss ist es heute noch so, dass dort, wo schlechte Bedingungen für den Ackerbau herrschen, die Armut groß ist.

Diese Selbstverständlichkeit, dass Lebensmittel immer verfügbar sind, bedroht nun aber gerade unseren Wohlstand. Dies mag auf den ersten Blick unschlüssig erscheinen, aber diverse aus dem Wohlstand hervorgegangene Ideologien, die gerade versuchen, die moderne Landwirtschaft in Misskredit zu bringen, bedrohen gerade damit unsere Versorgungssicherheit. Kaum jemand kann das Zitat „Unser tägliches Brot gib uns heute“ noch nachvollziehen, dafür werden mit bisweilen religiösem Eifer Konzepte wie „Vegan“ oder „Bio“ implementiert. Um dabei ausdrücklich Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich müssen Auswüchse moderner Technologie eingefangen werden und es gilt unbedingt, Fehlentwicklungen zu korrigieren und auch die Angebotsseite zu diversifizieren und zu optimieren. Was aber derzeit im Bereich Landwirtschaft und Ernährung von offizieller Seite verlautbart wird, ist überwiegend weder faktenbasiert, noch hat es etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Schreckensmeldungen über „Massentierhaltungsskandale“, Nitrat, oder Pflanzenschutzmittel, werden zwar gezielt über die Medien verbreitet, entsprechen aber kaum den tatsächlichen Verhältnissen in Deutschland. Bei allem Optimierungsbedarf: Die moderne Tierhaltung bringt mehr Tierwohl und moderner Ackerbau bewirkt mehr Bodenfruchtbarkeit als es noch vor 50 Jahren der Fall war. Landwirtschaft im großen Maßstab bedeutet heute auch keinen zwangsläufigen Qualitätsverlust.

Welcher Landwirt (Unternehmer) würde ein Tier quälen, um von ihm eine hohe Leistung zu generieren? Ein output-orientierter Landwirt sorgt vernünftigerweise doch vielmehr für bestes Futter, ausgewogene Ernährung, gutes Stallklima und gesunde Haltung. Dünger und Pflanzenschutzmittel über Bedarf aufs Feld zu bringen, verursacht zudem nur unnötige Kosten und hat keinerlei Effekte. Die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit und nachhaltige Fruchtfolgen sind vielmehr im ureigenen Interesse. Das, was von vielen zeitgenössischen Ideologien unter dem Schlagwort der „Nachhaltigkeit“ behauptet wird, und die landwirtschaftliche Realität klaffen teilweise derart weit auseinander, dass sich hier der Verdacht aufdrängt, dass in Wahrheit vor allem gewisse Geschäftsmodelle aufrechterhalten und promotet werden sollen. Dabei wird bisweilen auch vor leicht zu widerlegenden Falschbehauptungen nicht Halt gemacht, indem z.B. panikartig ein angebliches Bienensterben ins Feld geführt wird, während es tatsächlich zu keinem Zeitpunkt mehr Bienenvölker gab als heute. Allgemein ist auch das vielbeschworene Konzept der ökologischen Landwirtschaft bei weitem nicht so umweltverträglich wie sein Ruf. Im Gegenteil: Der Flächenverbrauch bei ökologischer Landwirtschaft durch die zwangsläufig geringere Ertragskraft ist sogar dreimal höher als im Falle der konventionellen Bewirtschaftung. Pilzgifte sind in biologisch erzeugten Ernteprodukten deutlich stärker enthalten als in konventionell erzeugten, da dort gegen Schadpilze nicht vorgegangen werden kann. Diese sog. Aflatoxine sind auch in ihrer Toxizität deutlich höher als die zugelassenen Fungizide selbst.

In den Medien wird zudem immer wieder von belastetem Grundwasser berichtet, was ebenfalls nicht den Tatsachen entspricht. Fakt ist, dass die Behörden nur die Brunnen mit schlechten Nitratwerten nach Brüssel gemeldet und so ein Sanktionsverfahren gegen Deutschland provoziert haben. Alle anderen EU-Staaten haben dagegen die Durchschnittswerte aller ihrer Brunnen gemeldet. Davon abgesehen sind die Grenzwerte von Nitrat ebenso willkürlich gewählt wie die von Stickoxiden in der Luft. Lag der Grenzwert Ende der 80er Jahre noch bei 120mg Nitrat pro Liter Trinkwasser, beträgt er heute 50mg/l. Wenn man dann noch bedenkt, dass schon in einem großen Salatteller 750mg Nitrat enthalten sind, erkennt man, was ein Grenzwert aussagt. Nach nun zahlreichen Änderungen der Düngeverordnung in den zurückliegenden Jahren (die letzte ist noch keine zwei Jahre alt), die logischerweise noch keine Wirkungen zeigen konnten, weil Grundwasserbildung nunmal Jahrzehnte benötigt, wurde jetzt der Gipfel der Unvernunft erreicht: In der neusten Fassung der Düngeverordnung muss nunmehr 20% (!) unter dem Bedarf der Pflanzen gedüngt werden. Dass dies nicht funktionieren kann -vorsichtig formuliert-, dürfte jedermann einleuchten. Mit solchen Maßnahmen laugt man den Boden aus und zerstört die Bodenfruchtbarkeit. Hier offenbaren sich fehlender Sachverstand und Irrglaube.

All diese Problemstellungen werden von den Befürwortern „nachhaltiger“ Konzepte interessanterweise aber nie erwähnt. Stattdessen behauptet man letztlich sogar, dass der moderne Ackerbau an seine Grenzen gekommen sei und eine Kehrtwende machen müsse. Tatsächlich aber war unsere Landwirtschaft in der rund 6000-jährigen Geschichte des Ackerbaus noch nie sicherer und ertragreicher als heute. Alle Versuche, eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit rein biologischen Anbaumethoden sicherzustellen, sind im Ergebnis gescheitert und haben letztlich vor allem Hungersnöte, Leid und Auswanderungswellen gebracht.

Die ersten Bauernproteste gegen die heutige Agrarpolitik haben im September 2019 mit den Grünenkreuzen begonnen, begleitet von zahlreichen bundesweiten Demonstrationen von Bonn bis Berlin. Als im November 2019 nach Polizeiangaben mehr als 40.000 Bauern mit 12.000 Traktoren aus ganz Deutschland nach Berlin kamen und das mitunter sogar per Traktor vom Bodensee aus, um auf die Missstände der Agrarpolitik hinzuweisen, wurden die Zahlen der Demonstrationsteilnehmer in den öffentlichen Medien zum einen halbiert und zum anderen auch nur am Rande kommentiert.

Die Forderungen der Landwirte wurden öffentlichkeitswirksam darauf reduziert, dass sie ja nur deshalb demonstrieren würden, damit sie weiterhin ungehindert Gülle und Glyphosat ausbringen dürfen. Dass die Forderungen der Landwirte viel weitreichender sind und waren, fand dagegen gar keinen Anklang in der Öffentlichkeit. Es wurde zur Beruhigung der Landwirte zwar ein großer Gipfel von Kanzlerin Angela Merkel einberufen, aber alle vorher geplanten Maßnahmen mit einschneidenden Folgen für die Landwirte wurden im Ergebnis ohne jegliche Änderung durchgedrückt.

Hunderte weitere Proteste und Demonstrationen gab es seitdem mit zweimonatiger Mahnwache in Berlin, welche aber kaum Beachtung in den Medien fanden und möglicherweise auch gar nicht finden sollten. Es scheint beinahe so, dass auf der politischen Agenda ein Feldzug gegen die europäische Landwirtschaft geplant wäre. Ob Green Deal, Farm to Fork oder das Insektenschutzgesetz - alles zielt konzertiert darauf ab, den Agrarsektor in Europa zu schwächen. Es ist auch anders nicht zu erklären, dass das Insektenschutzgesetz ausschließlich die Landwirtschaft adressiert und gleichzeitig die Folgen von Lichtverschmutzung, Elektrosmog, Zersiedlung und andere Zivilisationsprobleme völlig außen vor lässt. Ginge es wirklich um das Wohl der Insekten, müsste auch dort dringend gehandelt werden.

In der EU plant man beim Green Deal, 10 Milliarden Bäume in Europa zu pflanzen, um den Klimaschutz zu fördern. Die Verantwortlichen vergessen aber offenbar völlig, dass, wenn wir in Europa unser besonders fruchtbares Ackerland mit 10 Milliarden Bäumen bepflanzen, wir dann unsere Lebensmittel zum Beispiel aus Südamerika beziehen müssen. Dort muss man dann aber gleich 20 Milliarden Bäume fällen oder verbrennen, weil dort die Effizienz des Anbaus wesentlich geringer ist. Ein schlechter Deal für Umwelt, Klima und Europa.

Das gleiche Bild zeigt sich in der Kampagne gegen Glyphosat. Nachdem das Argument der Krebserregung von Glyphosat sich relativierte, weil Glyphosat letztlich in der gleichen Kategorie wahrscheinlich krebserregender Stoffe eingeteilt wurde wie heißer Mate Tee oder rotes Fleisch, wurde die Strategie geändert. Plötzlich war es nicht mehr gut für die Bienen, da diese ja auf einer mit Glyphosat behandelten Fläche nichts mehr finden würden. Dies ist wiederum zutreffend, aber wenn kein Gyphosat eingesetzt wird, wird stattdessen alles umgepflügt und dann bleibt den Bienen auch nichts mehr. Für das Pflügen braucht es zudem aber auch noch 20 Liter Diesel mehr und es wird dabei auch noch Humus abgebaut, der dann wieder als CO₂ in die Luft geht. Auch hier wird der Umwelt also im Ergebnis ein Bärendienst erwiesen.

Die Landwirte bekommen mittlerweile regelmäßig Ratschläge von angeblichen Sachverständigen, die sich auch ohne jedwede praktische landwirtschaftliche Erfahrung für hierzu befähigt halten. Dazu zählen namentlich insbesondere Journalisten, Politiker und Vertreter gewisser Organisationen. Landwirte werden in Talk-Runden von sogenannten „Experten“ ständig so dargestellt, als wären sie unfähig, mit unserem Boden, den Pflanzen und unseren Tieren angemessen umzugehen. War unsere mehrjährige Ausbildung also überflüssig und ist unsere tagtägliche Erfahrung irrelevant?

Trotz all dieser Angriffe bin ich fest davon überzeugt, dass die Landwirtschaft schon aufgrund ihrer Bedeutung nicht ernsthaft bedroht ist. Ob Hitzewellen, Starkregen, Hagel, oder Pandemien, der Agrarsektor zeigt seit Jahren, dass er auch auf Extremsituationen stabil reagiert. Ja, es gibt einen Strukturwandel, aber die Branche wird nie verschwinden.

Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland
Quelle: BLE - Ernährungswirtschaft: Versorgungsbilanzen

Vielleicht liegt aus Investorensicht in den Angriffen sogar eine Chance. Schon jetzt zeigt sich, dass die Rohstoffmärkte markant steigen. Der Hunger Chinas zieht die Weizen-, Mais- und Sojapreise stark in die Höhe. Wird nun die Produktion durch Maßnahmen wie z.B. den „Green Deal“ oder ähnliches beschränkt, werden diese Preise aufgrund des sinkenden Angebots weiter steigen. Unser Selbstversorgungsgrad mit Lebensmittel fällt seit Jahren kontinuierlich und ist derzeit bei 87% angekommen.

Wohl dem, der Ackerland besitzt! Hier ist schon seit Jahren ein starker Trend mit steigenden Preisen zu sehen. Renditen auf Agrarflächen, die noch vor Jahren als nicht besonders attraktiv galten, sind nun, auch bedingt durch den Niedrigzins, wieder als gut anzusehen. Agrarland ist ähnlich wie Edelmetalle ein sicherer Hafen, der zudem immer mehr Investoren anzieht. Selbst die ganz großen aus den Big Tech Konzernen, große Entsorger in Deutschland, Discounteinzelhändler oder Optiker, alle sind Großinvestoren in Agrarland. Arbeiten Investoren und Landwirte wirklich zusammen, können beide Seiten stark profitieren und dies sogar zum Wohl der Allgemeinheit.

Aber auch im vor- und nachgelagerten Bereich der Agrarwirtschaft lässt sich von der Stabilität der Ernährungsbranche profitieren. Technikproduzenten, Agrarhandel und Verarbeitung können hieran gleichermaßen partizipieren. Unternehmen, die als Zulieferer der Landwirte Landmaschinen produzieren, wie z.B. John Deere & Co, CHN Industrial, Agco, aber auch Verarbeiter wie Südzucker, Vion Food, Danish Crown, Friesland Campina oder DMK gehören ebenfalls dazu. Im Bereich des Handels sind sehr große Player am Markt. Für viele sind Namen wie Bunge, Cargrill, Amatheon, Agri, Baywa, Agravis etc. vielleicht eher unbekannt, umso mehr kann sich hier aber ein genauer Blick lohnen. Nicht zu vergessen bei den Gewinnern sind Hersteller für Saatgut, Pflanzenschutz und Dünger. Hier könnte man insbesondere K+S, Nutrien, KWS-Saat, Syngenta, aber natürlich auch viele andere nennen.

Selbst im Hochtechnologie - Zeitalter bleibt die Ernährung das, was sie immer war: Die Grundlage des menschlichen Lebens - nach Sauerstoff.

Zum Autor: Andreas Damm ist Landwirt und staatl. geprüfter Agrarbetriebswirt. Er bewirtschaftet mit seiner Frau und vier Kindern am Stadtrand von Frankfurt am Main in der südlichen Wetterau einen landwirtschaftlichen Betrieb.

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